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Im Gespräch mit Indie-Verlagen #5 – Edition fotoTAPETA

Gerade hat der kleine Berliner Indie-Verlag Edition fotoTAPETA Buchhändler*innen dazu aufgerufen, den 80. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf Polen in den Blickwinkel der Kunden zu rücken – weil dieses Datum in der Öffentlichkeit doch erschreckend wenig wahrgenommen werde. Viele Buchhandlungen reagierten: mit Schaufenstern, Lesungen und anderen Veranstaltunge. Auch bei uns gibt es gerade eine ganze Reihe von Büchern polnischer Autoren zu entdecken. Darunter natürlich auch Bücher aus der Edition fotoTAPETA.
Ein guter Anlass, auch diesem Verlag einmal zu seiner Arbeit zu befragen.

Auf welchen Wegen finden Autor*in und Verleger*in in Ihrem Verlag zusammen?

Das sind (wie immer im Leben) ganz unterschiedliche und auch unterschiedliche lange Wege – dazu drei Beispiele: Der wunderbare Gedichtband von Tomasz Różycki aus Opole DER KERL, DER SICH DIE WELT GEKAUFT HAT kam nach einem langen Weg zustande (und dann ging es ganz schnell): Eines der ersten Bücher der edition.fotoTAPETA war DIE SELBSTMORDRATE BEI CLOWNS des großartigen Serhij Zhadan aus der Ukraine; die Übersetzerin war die kongeniale Claudia Dathe. Wir haben im Laufe der Zeit miteinander engere Arbeitsbeziehungen geknüpft, aus denen – auch dank ihres Netzwerks trans.lit e.V. – mehrere Bücher hervorgegangen sind. Darunter auch eine Sammlung mit dem Titel „GeschichteN erzählen“, der für unseren Verlag eigentlich recht treffend ist. In dieser Sammlung gab es einen Text von Tomasz Różycki, übersetzt von der jungen Übersetzerin Marlena Breuer, ein Ausschnitt aus dem einzigen Roman Różyckis BESTIARIUM – zunächst haben wir dann diesen Roman gebracht. Und bei einer Lesung des Autors aus seinen Gedichten Anfang letzten Jahres an der Humboldt Uni in Berlin trafen Tomasz Różycki, sein Lyrik-Übersetzer Bernhard Hartmann und ich aufeinander, und dann waren wir uns sehr schnell einig: Wir wollen das Gedichtbuch machen. Wenige Monate später war es fertig.

Sehr viel schneller ging es bei dem gerade erschienenen Essay von Stephan Wackwitz UNSERE FREIHEIT, EURE FREIHEIT. Darüber hatte Wackwitz Anfang Mai kurz in der taz geschrieben, ich habe ihn daraufhin angerufen, er hat diesen klugen Essay in wenigen Wochen geschrieben, und wir haben ihn in wenigen Wochen produziert.

Und ganz klassisch geht es auch: Der (historische) Roman darüber, wie eine Gesellschaft, die deutsche nämlich,  von rechtem Gedankegut eingenommen wird und unter der Herrschaft der Rechten untergeht – MILCHBRÜDER, BEIDE – wurde uns von einer Literaturagentin aus der Schweiz angeboten, und wir haben sofort angenommen. Das voluminöse Buch des 93jährigen Autors Bernt Spiegel erscheint bei uns im kommenden Frühjahr.

Welche Arten von Geschichten interessieren euch?

Wir suchen (und finden) meist Geschichten, die Geschichte erzählen, und wir schauen dabei gern von Berlin aus nach Osteuropa – haben gewisse Vorlieben aber auch für Italien. Es geht uns also um Europa.

Welche/r Autor*in hat euch zuletzt besonders überrascht? 

Eigentlich sind es zwei Autoren: der Norweger Stig Sæterbakken und der Italiener Nino Vetri. Beide kannten sich nicht, Sæterbakken lebt nicht mehr, und doch haben wir sie in einem ganz überraschenden Buch über Kunst und Künstler und Scheitern und Weitermachen zusammengebracht: „Lillehammer-Palermo, oder: Suite für eine viertel Kuh“. Gerade erschienen.

Wie verläuft bei euch der Auswahlprozess der Manuskripte? Wer entscheidet über die Titelgestaltung?

Die edition.fotoTAPETA ist ein sehr kleiner Verlag. Alle Entscheidungen liegen bei zwei Leuten: dem Verleger fürs laufende Geschäft Andreas Rostek und der „Aufsichtsratsvorsitzenden“ Dagmar Engel. Bei der Gestaltung spielt den entscheidenden Part seit Anfang an die Kreuzberger Grafikerin Gisela Kirschberg.


Welcher andere unabhängige Verlag steht euch besonders nahe?

Die Friedenauer Presse – mit ihr teilen wir uns im Herbst in Frankfurt den Stand auf der Buchmesse; die EDITIONfrölich hier aus Berlin – mit ihr teilen wir uns seit Jahren den Stand auf der Leipziger Buchmesse; der Verbrecher Verlag, weil wir die einfach mögen; Wagenbach, weil, seit ich lesen kann (na gut, ein bisschen später…)  

Erzählen Sie uns etwas von einem aktuellen fotoTAPETA-Buch, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das ist die Recherche über Salvini und seine Partei im SCHWARZBUCH LEGA, weil es da nicht nur Italien, sondern um ganz Europa geht: Noch ist offen, ob Salvini es schafft. Oder ist die Demokratie in Italien stark genug, sich gegen den mächtigen Mann der italienischen Rechten zu behaupten? Noch ist das nicht ausgemacht – die Regierungskrise, die Salvini vom Zaun gebrochen hat, ist in diesem August noch in vollem Gange. Salvini ist ein gefährlicher Zeitgenosse – wie gefährlich er ist und mit welchen obskuren Figuren aus der alten und neuen Rechten Italiens, aus der organisierten Kriminalität und selbst aus Putins Machtapparat in Moskau der Lega-Chef in Verbindung steht, kann man in dem Buch aus der edition.fotoTAPETA bald nachlesen: Das SCHWARZBUCH LEGA von Giovanni Tizian und Stefano Vergine erscheint Ende September.

Vielen Dank, Andreas Rostek, für das Gespräch!