Allgemein ·Im Gespräch mit Indie-Verlagen

Im Gespräch mit Indie-Verlagen #4 – Milena Verlag

Ein Verlag, der schon immer für Überraschungen gut war, ist der Milena-Verlag aus Wien. Wer wissen will, wie Wien (und Österreich) tickt, kommt an diesem kleinen Verlag nicht vorbei. Themen, abseits des Gängigen, örtlich be- aber nicht verhaftet. Wie in diesem Jahr zum Beispiel Über Vierzig aus unserer Lieblingsbücher-Garde. [unten mehr]
Über das Büchermachen haben wir mit der Verlegerin Vanessa Wieser gesprochen:

Liebe Vanessa Wieser, liebe MitarbeiterInnen des MILENA Verlag, auf welchen Wegen finden Autor*in und Verlegerin bei MILENA zusammen?

Wir bekommen natürlich sehr viele unverlangt eingeschickte Manuskripte, ab und zu ist eines dabei, das wir verlegen, der Rest sind mittlerweile HausautorInnen oder AutorInnen, die Verlag wechseln wollen und sich für Milena entscheiden, weil wir so lieb sind und so schöne Bücher machen 😉

Welche Arten von Geschichten interessieren euch?

Am liebsten sind mir: ein guter Plot, am besten noch mit überraschenden Wendungen drin, ich liebe Humor und natürlich Gesellschaftskritik mit Herz und Hirn. Es muss mich bei den ersten Seiten packen und dann hoffentlich bis zum Schluss so weitergehen, dann bin ich froh.

Welche/r Autor*in hat euch zuletzt besonders überrascht?

Eigentlich müssen mich, um mich für eine Publikation zu entscheiden, alle AutorInnen durch ihre Qualität überraschen, und das tun sie auch. Besonders, nennen wir es: beglückt war ich beim Roman FISCHSITTER von Paul Ferstl oder beim Debütroman WOLFSSTEIG von David Bröderbauer, beide Romane sind fesselnd zu lesen, stilistisch tipptopp und stechen aus der Masse heraus. Es überraschen mich auch immer unsere Klassikerdamen, denn ein Stil von zum Beispiel Joe Lederer oder Hertha Pauli, auch Annemarie Selinko, ist nach all den Jahrzehnten, da die Romane geschrieben wurde, wirklich überraschend vortrefflich und zeitlos. (Die Klassikerherren natürlich auch, allen voran Otto Basil und Friedrich Torberg und Frido Lampe.) Aber es fallen mir noch viele Namen ein: Einer meiner absoluten Lieblinge ist Christopher Just mit seinem überraschenden Kultroman DER MODDETEKTIV und dem Nachfolgewerk CATANIA AIRPORT CLUB, die beide bei mir sehr starke Glücksgefühle auslösen, weil Just so albern und kreativ und witzig ist; aber auch ernste Lektüre wie DER HIMMEL IST EIN SEHR GROSSER MANN von Peter Zimmermann, für mich einer der besten Autoren Österreichs. Die Politsatire SEBASTIAN überrascht ebenfalls durch höchsten Spaßfaktor. Aber ich liebe natürlich alle unsere Bücher sehr. Ich könnt alle aufzählen, weil die find ich alle gut.

Wie verläuft bei euch der Auswahlprozess der Manuskripte? Wer entscheidet über die Titelgestaltung?

Das läuft so, dass ich alle Manuskripte, die reinkommen, sichte. Je besser der Text ist, umso länger dauert das Sichten und schlägt dann irgendwann in das Verschlingen des gesamten Manus über – und endet im besten Fall mit einer begeisterten Verlegerin.

Wie kommuniziert Ihr mit euren Leser*innen?

Ich werde eigentlich jeden Tag auf der Straße von einem begeisterten Leser angesprochen und dann entwickelt sich ein feines Gespräch, nein, Scherz, am besten geht das Parlieren mit LeserInnen auf Messen, weil da mehr Zeit ist. Und das ist auch oft hochinteressant, Feedback zu bekommen, am liebsten natürlich Lob und Zuspruch. Ansonsten versuche ich auf Facebook witzig zu sein, aber das reicht mir dann auch schon mit den sozialen Medien. Wer mit mir sprechen mag, kann mich gern anrufen 😉

Welcher andere unabhängige Verlag steht euch besonders nahe?

Hier in Wien sind das die Edition Atelier, mit der wir auch gemeinsam die Vorschau versenden, und der Luftschacht Verlag. Aber auch der Verleger von Picus steht mir dankenswerterweise oft mit Rat und Tat beiseite, der Septime Verlag und dann natürlich auch ganz viele in Deutschland, wir lieben natürlich die Verbrecher, die Weidles, und aviva und ach, die meisten sind leiwand*.
* [wienerisch: großartig, hervorragend, sehr gut gefallend]

Was ist das Besondere an eurem Buch „ÜBER VIERZIG“ von Andreas Kump, das dieses Jahr bei euch erschienen ist?

Es ist ein gelungener Debütroman, der Herz und Hirn gut vereint. Die Schauplätze sind Wien und Linz, da ich, die Verlegerin, aus Linz stamme, holt mich das natürlich ganz besonders ab, es handelt vom Älterwerden, das kenn ich gut, es handelt vom Hadern mit dem Älterwerden, das kenn ich auch sehr gut, es handelt von 5 ganz verschiedenen Menschen, es spielt im Sommer, den ich liebe, eine Szene spielt im Kongressbad, wo ich immer hingehe, es handelt von der Linzer Musikundergroundszene, die hochinteressant ist, und besonders hervorstechen tun für mich 2 Figuren im Roman: der Altpunk Lesbos und der Hooligan Tommi, weil beide sehr konträr sind und weil man Hooligans in Romanen selten findet, noch dazu melancholische Hooligans. Die zwei, das hab ich dem hochsympathischen Autor Andreas Kump auch gesagt, können gut und gerne in seinem nächsten Roman die Hauptrollen spielen, wenn es nach mir geht 😉

Herzlichen Dank für das Interview!