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Im Gespräch mit Indie-Verlagen #3 – Literaturverlag Droschl

Spätesten seit Iris Hanikas Roman „Treffen sich zwei“ (2008) ist der Droschl Literaturverlag ein fester Bestandteil unseres Buchhandlungs-Sortimentes. Grund genug, uns auch hier einmal genauer nach der Verlagsarbeit zu erkundigen. Teil 3 unserer Gesprächsreihe mit Indie-Verlagen:

Liebe Anette Knoch,
wie finden AutorInnen und Verlag bei Droschl zusammen?

Auf der einen Seite haben wir ziemlich viele Hausautorinnen und -autoren, deren Werk wir eigentlich mehr oder weniger kontinuierlich veröffentlichen, unser Verlag ist einundvierzig Jahre alt. Und andererseits ist es uns wichtig mindestens einmal im Jahr ein Debüt vorzustellen. Das ist für mich eigentlich der schönste Teil, oder der schönste Aspekt meines Berufes als Verlegerin: dieses Debüt zu entdecken und sich dann für eine schöne Gestaltung zu entscheiden. Sozusagen voll in die Bresche zu springen und dann alles dafür zu tun, dass es möglichst viele Leserinnen und Leser findet. Und wie kommt dieses Debüt zu uns? Das sind verschlungene Wege oder verschiedene Wege. Einerseits lesen wir bei uns im Lektorat wirklich jedes unverlangt eingesandte Manuskript. Und dann sind da Empfehlungen von Freunden, also von Autoren die bei uns veröffentlichen, oder von Übersetzern. Das sind verschiedene Kanäle. Auch Agenturen. Aber eigentlich ist uns der direkte Weg der liebste.

Sie haben 2018 Andrea Scrimas wunderbares Buch „Wie viele Tage“ herausgegeben. Wie kam es beispielsweise zu dieser Zusammenarbeit?

Ja, die entstand tatsächlich über eine Agentin. Die Andrea Scrima ist geborene New Yorkerin, lebt aber seit zwanzig Jahren in Berlin.

Vor einer halben Stunde hab ich mit der Agentin ausgemacht, dass wir das nächste Buch machen mit der Andrea Scrima. 2021 wird es erscheinen, aber wir haben es gerade jetzt in trockene Tücher gebracht. Also bei ihr ist es so, dass es über eine Berliner Agentin gekommen ist. Eine Suhrkamp-Lektorin ist dort in Pension gegangen und bei einer befreundeten Agentin hat sie, für relativ kurze Zeit, in der Agentur mitgearbeitet und hat als Suhrkamp-Lektorin aber irgendwie unser Profil gut gekannt und wusste, wie sie das gelesen hat, das wird uns sicher interessieren und so war es auch.

Wie verhält es sich mit der Gestaltung bei Droschl? Wie viele Personen sind Teil der Auswahlprozesse? Durch wie viele Hände gehen die Manuskripte?

Also die Manuskripte gehen zuerst alle ins Lektorat und die die der Lektor, Christopher Heil, gut findet, richtig gut findet, und machen möchte, die krieg ich dann auf den Tisch. Und dann les ich die, und dann sprechen wir drüber. Und es ist aber eigentlich klar, dass das immer mehr sind als wir eigentlich im Programm Platz haben. Oft.

Wie viele Bücher verlegen Sie etwa im Jahr?

Ungefähr fünfzehn. Also es sind nicht so viele, wir haben uns auf diese Zahl eingependelt, weil wir die Erfahrung gemacht haben dass, wenn wir zu viele Bücher machen, eins das andere erschlägt. Das ist ganz schwierig. Ja, und die Gestaltung die ist eigentlich sehr stark in meinen Händen, weil ich das Layout mach und mich sehr für Fotografie interessiere, allerdings nicht den Umschlag. Ich mache den Satz, wirklich den Buchsatz. Den Umschlag macht eine Grafikerin und das ist natürlich immer die allerschwierigste Entscheidung, in jedem Verlag. Also beim Tomer Gardis „Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück“ haben wir, glaube ich, einen ziemlich guten Griff gemacht. Da kriegen wir ganz tolles Feedback für das Cover, aber es gibt halt keine absolute Schönheit. Es wird immer diskutiert. Bei der Andrea Scrima war es so, dass sie gesagt hat, sie möchte das Foto aussuchen. Sie gab uns ein Foto aus einem Loft: eben jenes das im Buch auch vorkommt, mit der Brooklyn Bridge, und sagte, das möchte sie verwendet haben. Und dann hat die Grafikerin das fürs Cover auch verwendet. Also die Autoren können uns nicht fertige Entwürfe liefern, aber sie können uns sagen: “Ich mag kein braun-oranges Buch“ oder „Ich mag keine geometrischen Formen“ oder „Ich möchte dieses Foto“. Und dann gibt’s natürlich die Vertreterkonferenz wo auch immer besonders gern über die Cover gesprochen wird (lacht).

Es ist ja relativ ungewöhnlich, dass die Verlegerin auch den Satz verantwortet und auch fotografisch mitwirkt.

Ja, das stimmt, aber das ist wirklich mein Weg in den Verlag gewesen, die Gestaltung. Also ich habe zwar Germanistik und Kunstgeschichte studiert, aber der Verlag ist ja von meinem Vater gegründet worden und ich bin da ja mitgewachsen, sozusagen. Manche Dinge haben mir dann einfach nicht gefallen an den Büchern, oder auch in den Prospekten und so weiter. Und dann juckts einen das zu ändern. (lacht) Und so kommt man rein.

Stimmt der Eindruck, dass heutzutage gar nicht wenige Publikationen nicht mehr so präzise gesetzt sind, und dass der Text darunter auch leidet?

Absolut. Der Durchschuss ist bei den meisten viel zu klein. Oft ist das Papier auch viel zu durchscheinend. Und die Taschenbücher sind ja sowieso schwer lesbar.

Wer von den neueren Droschl-AutorInnen hat Sie besonders überrascht?

Ja auf jeden Fall der Tomer Gardi und zwar mit dem Buch das zuvor erschienen ist, „Broken German“. Bei ihm ist die Geschichte die, dass er Artist in Residence in Graz war und wir uns auf diesem Weg kennen gelernt haben und er hat uns das vorgeschlagen und das hat uns total überrascht. Das ist wirklich in „broken german“ geschrieben, also in gebrochenem Deutsch, von einem Israeli der wirklich nur gebrochenes Deutsch kann. Die Geschichte spielt in Berlin und handelt, mehr oder weniger, von ein paar Leuten die alle Migrationshintergrund haben und deren Geschichte immer wieder in einer Bar zum roten Faden zusammen läuft. Man liest das und überlegt die ganze Zeit: Ist das eine Kunstsprache oder ist der in echt so? Bis man dann drauf kommt: Ja, wahrscheinlich ist das echt und dann trifft man sich mit ihm und dann redet er auch so und schreibt er dir ein Email und dann ist das auch so. Und damals haben wir ihn ja auch nach für Klagenfurt vorgeschlagen und die Juroren dort waren völlig entsetzt und haben gesagt: Ja, unsere Werkzeuge greifen bei so etwas nicht und wie können wir das einordnen, und so weiter. Und das, würde ich sagen, war in den letzten Jahren mit Abstand die größte Überraschung.

Erzählen Sie uns von Tomer Gardis aktuellem Buch „Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück“?

Das neue Buch ist aus dem Hebräischen übersetzt. Das hat er jetzt nicht auf deutsch geschrieben, sondern es spielt in Israel, in Tel Aviv, am Arbeitsamt, und hat aber auch, wie „Broken German“ diese Art… Der Tomer kann wahnsinnig gut mit wenigen Strichen Leben skizzieren und es sind eigentlich meist Leben, die nicht so positiv verlaufen. Figuren, die irgendwie so ein bissl Opfer eines Sozialsystems sind, oder Außenseiterexistenzen oder Lebenskünstler, die sich so irgendwie durchschlagen und eher nicht sehr bürgerlich sind. Auch dieses Buch ist großartig, auch wenn es nicht in broken german geschrieben ist und man es sozusagen in flüssigem Deutsch lesen kann, erkennt man ihn und das für ihn Typische sofort.

Gibt es einen anderen unabhängigen Verlag der Droschl sehr nahe steht?

Also, was ich besonders schätze ist jetzt kein einzelner Verlag, sondern was ich wirklich großartig finde ist, wie wir miteinander reden, also jetzt alle Verlage untereinander, Verlegerinnen und Verleger. Dass wir alle auf einer Stufe sind und uns auf Augenhöhe begegnen und irgendwie nicht so als Konkurrenz begreifen. Ich find es jetzt auch toll, dass der Jörg (Sundereier / Anm.d.R) mit dem Verbrecher Verlag den Preis gewonnen hat. Da denk ich mir jetzt nicht: Das ist sein Verlag und nicht meiner, sondern ich denke mir: Super, das ist ein unabhängiger Verlag, da passiert die gute Literatur. Also es ist nicht so ein Konkurrenzdenken da, und das find ich das Tolle. Das möchte ich fast mehr heraus streichen als ein einzelnes Programm.

Herzlichen Dank für das Gespräch!