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Die Bücher des Jahres? …

… – diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ja, „Kruso“ von Lutz Seiler gehört sicher dazu. Ein literarisch anspruchsvoller, aber immer noch lesbarer Roman, mit dem Deutschen Buchpreis gekrönt. Ein Buch, das uns überrascht hat. Ein Buch, an dem man sich mühen kann, mühen muss, ein Buch was mit Sicherheit auch „Bestand“ haben wird.

Etwas leichter zu lesen ist der neue Roman von Sasa Stanisic, Gewinner des Leipziger Buchpreises. „Vor dem Fest“ ist eine großartige Momentaufnahme von ein paar Stunden vor dem örtlichen Dorffest. Einige Personen werden dabei begleitet, ihre Biografien erzählt, ihre Wege kreuzen sich, manchmal berühren sie sich nur.

Landschaft, Geschichte, Biografie: das sind die verbindenden Momente dieser beiden Romane. Überraschend ist, dass auch unser drittes Buch des Jahres genau in dieses Muster passt. Der Roman „Machandel“ erzählt auf vielfältige Weise die Geschichte eines mecklenburgischen Dorfes und verknüpft sie mit der Geschichte seiner Bewohner.  – Unsere Kollegin Marianne schreibt darüber:

Clara ist die Erzählerin in dreizehn der fünfundzwanzig Kapitel, in denen persönliche Erinnerungen von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart mit dem (fiktiven) mecklenburgischen Dorf Machandel verknüpft werden. Clara, geboren 1960, kommt erstmals Mitte der achtziger Jahre in dieses Dorf, um sich von ihrem Bruder Jan zu verabschieden, der kurz vor der Ausreise steht. Sie verliebt sich in einen leerstehenden Katen, in dem sie fortan viele Sommer verbringt und den Geschichten der Dorfbewohner nachspürt. Als Akademikerin engagiert sie sich in Bürgerbewegungen, und muss nach der Wende erleben, wie nicht nur ihre Ehe der „neuen kalten Einsamkeit“, wie es ihre Kollegin formuliert, zum Opfer fällt.

Ein weiterer Erzähler ist Hans Langner, Claras Vater, der sich als ehemaliger Rotfrontkämpfer in den letzten Kriegstagen schwerkrank vom Todesmarsch ins Schloss von Machandel flüchten kann und dort von seiner zukünftigen, sehr viel jüngeren Frau gesund gepflegt wird. Trotz seiner hohen Stellung in der SED verbittert er zusehends und wartet am Ende nur noch auf den Tod.

Natalja wird mit sechzehn als Ostarbeiterin aus Smolensk nach Machandel verfrachtet. Aus dem Jenseits (denn sie stirbt 1994) erzählt sie uns von den Festnahmen ihrer Eltern, der Kriegszeit und ihrer ersten Liebe in Machandel, aus der ihre Tochter Lena entsteht.

Außerdem erhalten Emma, eine aus dem zerbombten Hamburg geflüchtete Arztwitwe, und Herbert, der Kadettenschulkamerad Jan Langners, eine Stimme.

Über das Märchen vom Machandelbaum (= Wacholder) schreibt Clara ihrer Dissertation. In einer Version sammelt die Schwester die Knochen des von der Mutter geschlachteten und vom Vater gegessenen Brüderchens ein, um sie unter dem Machandelbaum zu vergraben. Aus den Knochen, den bewahrten Erinnerungen, entsteht ein wunderschön singender Vogel.

Als ich im Deutschlandfunk das erste Mal von diesem Roman hörte, klang er für mich auf Grund der vielen Erzähler und der „Geschichtsträchtigkeit“ überfüllt. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Regina Scheer hat schon einige akribisch recherchierte Biographien und Titel zur deutsch-jüdischen Geschichte verfasst. Von ihrem Romandebüt bin ich wirklich sehr positiv überrascht!

Regina Scheer: Machandel. Roman. Knaus Verlag 22.99 Euro reservieren

Lutz Seiler: Kruso. Roman. Suhrkamp 22.95 Euro reservieren

Sasa Stanisic: Vor dem Fest. Roman. Luchterhand 19.99 Euro reservieren

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