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Advents-Tipps von Mischa

Der Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts erhielt von einer Zeit-Rezensentin das Prädikat  „DDR-Buddenbrooks“.  Ein großes Lob, natürlich, doch ist „ein Buddenbrook“ auch ein Buch, das man sich gern einmal für wenn ich mal viel Zeit habe aufhebt. Das muss man nicht, findet Mischa, Chef von lesen und lesen lassen:

Nein, gut weglegen muss man dieses Buch wirklich nicht. Das wäre sogar schade. Denn Eugen Ruge erzählt Familiengeschichte einmal ganz anders, anders als Thomas Mann oder Uwe Tellkamp. Ruge stammt aus dem Film- und Theaterfach, ist Autor für Dokumentarfilme und Theaterstücke. Und das merkt man seinem Roman an, denn er funktioniert nicht linear, sondern widmet sich seinen Figuren immer nur temporär. Wie ein Archäologe legt der Autor Zeithorizonte frei. Horizonte, wie passend. Welchen Denk- und Gefühlshorizont hatten die einzelnen Familienmitglieder zu dieser Zeit, welchen zu jener?

Da ist der Familienpatriarch Wilhelm und seinen Frau Charlotte, die man in der Zeit ihres mexikanischen Exils, in der DDR-Aufbauzeit und kurz vor Wende immer neu kennen lernt, Erfahrungen, Träume, Wünsche. Da ist der Sohn Kurt, 1961 zurückkehrend aus einem sowjetischen Lager, später auf einer Parteiversammlung seines Geschichts-Instituts. Oder der Enkel Alexander während seines Wehrdienstes, später in einer besetzten Wohnung im heruntergekommenen DDR-Prenzlauer-Berg. Und da ist natürlich DAS zentrale Roman-Ereignis, der 90. Geburtstag von Wilhelm am 1. Oktober 1989, in einem Eklat endend, immer wieder neu erzählt von anderen Personen.
Das Buch ergibt am Ende ein Bild, das sich wie ein Mosaik aus den unterschiedlichen Perspektiven zusammen setzt. Die Lektüre erfordert daher ein wenig Konzentration, ist jedoch außerordentlich abwechslungsreich und spannend.

Viele Personen, viele verschiedene Zeitebenen. Dennoch gelingt es Ruge, bei einigen Personen tief in Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen, am besten vielleicht im anrührenden Porträt der Elternfiguren Kurt und Irina. Insgesamt ein sehr interessantes Buch, das eine DDR-Intellektuellenschicht in ihrem oft wenig bekannten Facettenreichtum darstellt.

In Zeiten des abnehmenden Lichts: meine Empfehlung für Weichnachten!

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Mischa ist gemeinsam mit seiner Frau Beate Inhaber von lesen & lesen lassen. Er kümmert er sich besonders um die Themen Berlin, Politik und Sachbuch sowie um die Ladentechnik, Webseite und Soziale Netzwerke.

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