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Gustav Ginzel gestorben

UPDATE 08.01.09
DNEZ.CZ veröffentlicht einen ausführlichen Nachruf auf Gustav Ginzel. Zu sehen ist viel Bild- und Textmaterial sowie auch Ausschnitte aus der tschechischen Version des Misthaus-Videos. Wer es sich anschaut, kann übrigens ein Stück Friedrichshain entdecken. – Die tschechische Sicht auf Gustav.
Wer tschechisch nicht so gut kann.

04.12.2008
Gustav Ginzel ist tot. Wie heute die Sächsische Zeitung berichtet, ist am vergangenen Freitag Gustav Ginzel verstorben. Gustav Ginzel? Deutscher, Tscheche, Weltenbummler, Original, Kauz, Schummel-Student, Meteorologe, Geologe, Geschichtenerzähler, Spinner, Querdenker, Kabarettist, Skifahrer …. – Besitzer des legendären „Misthauses“. Besitzer?

Ja und nein. „Gustav“ erwarb dieses nordböhmische Berg-Bauernhaus in den 60er Jahren und stattete es nach und nach mit einer unglaublichen Menge an Kuriositäten aus. Mitbringseln aus aller Welt. Ja, Gustav genoss „Reisefreiheit“. Er selbst vermutete, der tschechische Staat hoffte, ihn auf diese Weise irgendwann einmal loszuwerden. Gustav jedoch kam immer wieder aus dem „Westen“ zurück, ihn zog es in diese gottverlassene Isergebirgsgegend, schwer geschädigt von Emissionen der DDR-Braunkohlekraftwerke, in sein Misthaus. Und nicht nur ihn. Für viele Ostdeutsche war diese immer offene Herberge die Möglichkeit für einen kurzen Ausstieg aus dem ostdeutschen, später bundesrepublikanischen Alltag.
Vor fast genau zehn Jahren war Gustav bei uns im Laden zu Gast. Erzählte vom Wiederaufbau des Misthauses und neuen Reisen.

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Erst vor wenigen Wochen mussten wir wieder an Gustav denken. Von dem jungen tschechischen Autoren Jaroslav Rudis erschien der Roman „Grandhotel“. Das „Grandhotel“, in dem ein junger Mann das Faktotum, Mädchen für alles, ist und in dem er mit seinen Nöten bezüglich Frauen und Liebe kämpft, befindet sich auf dem Nordböhmischen Berg Jeschken, fast in „Sichtweite“ des Misthauses.

Ein Foto. Berggipfel mit Holzbaude drauf. „Und – wie heißt dieser Berg?“. Für den Misthaus-Neueinsteiger war es unmöglich, sich während des Gustavschen Isergebirgs-(Dia)Vortrages die Namen aller Berge, Bauden, Ortschaften, Felsklippen usw. zu merken. Wer jetzt in die Stille hinein sagte „Das ist der Jeschken“ wäre als „lebendes (Misthaus)-Fossil“ durchgegangen, wie es dort einige gab. Aber niemand wollte Gustav den Spaß verderben. „Das ist der Jeschken. Die Baude ist 1963 abgebrannt, 1966 …“ – und munter ging es weiter mit einer Fülle von Bildern, Daten und Geschichten, welche heute jede Wissens-DVD blass aussehen ließe.

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Übersetzt wurde „Grandhotel“ von Eva Profousová, die auch den Roman „Nachtarbeit“ von Jachym Topol für uns lesbar machte. Wie in seinem neuesten Roman „Zirkuszone“ arbeitete sich Topol am zentralen Thema seines Schaffens ab, der 1968er Okkupation durch den Warschauer Pakt: Zwei Brüder werden aus Prag in die vermeintliche Sicherheit gebracht, nach Norden in ein kleines Bergdorf an der tschechisch – polnischen Grenze. Doch Sicherheit gibt es nirgendwo. Die Geschichte um die beiden Brüder findet ein beängstigendes Ende, in einem Schneesturm, wie man ihn aus dem Isergebirge gut kennt …

„Ich dachte an die goldenen Zeiten“ (Bohumil Hrabal) – Liebenswerter Tscheche mit Hang zur Übertreibung. So etwa muss man sich Gustav Ginzel vorstellen. Gern zitierte Gustav einen Gästebucheintrag, der das Misthaus als „schönsten A…. der Welt“ bezeichnete.
Das „Grandhotel“ auf dem Jeschken gibt es nicht wirklich, dort befindet sich nur ein einfaches Hotel. Das eigentliche „Grandhotel“ befand sich in Klein Iser / Jizerka.
Danke, Gustav.

Jaroslav Rudis: Grandhotel. Luchterhand Literaturverlag 2008
Jachym Topol: Nachtarbeit. Suhrkamp 2003
Jachym Topol: Zirkuszone. Suhrkamp 2007
Bohumil Hrabal: Ich dachte an die goldenen Zeiten. Suhrkamp 1999