Neuerscheinungen

Preisverdächtig: Das bessere Leben

Alles beginnt mit kleinen Tauschgeschäften. Murmel gegen Murmel, Sticker gegen Sticker. Dann kommt das kleine Geld, mal hier mal da. Taschengeld, Ferienjob, der Nebenjob, der die Verfügung über die freie Zeit begrenzt. Und irgendwann viel später gibt es diesen Facebook-Status: Müde in … hier … irgendein Plaza in Übersee. Die Frage: was mache ich eigentlich hier? Obwohl, da war doch noch Kifferei, No Future, Punk, … go Home … – vor Jahren.

So oder ähnlich geht es den beiden Hauptfiguren in Peltzers Roman. Jochen Brockmann in Zürich, dann in Turin, Sylvester Lee Fleming in Sao Paulo / Brasilien, beide in den Fünfzigern. Der eine zunächst mit einer geheimnisvollen Geldkoffertransaktion beschäftigt, der andere damit, Mittelsmänner zu treffen, sich mit einer alten Freundin in Amsterdam / Niederlande zum Abendessen zu verabreden.

Brockmann ist für das Südostasien-Geschäft einer großen Industriefirma verantwortlich. Doch das läuft seit längerem schlecht, der Verkauf eines Anlagenkomplexes droht zu scheitern. Andere Bereichsleiter  glänzen dagegen mit ihren Geschäften. Steht er bereits auf der Abschussliste? Oder gelingt es ihm zur Finanzierung doch noch einen Fonds zu gewinnen? Die Romanhandlung ist schnell erzählt. Der Leser hat vor allem mit dem Kopfkino der einzelnen Figuren zu tun. Mit schlaflosen Nächten, hundertfach wiedergeträumten Begebenheiten, mit Flashbacks, Déjà-vu-Erlebnissen, mit ihren plötzlich aufschießenden Erinnerungen: „Papa, hörst du mir eigentlich zu?“ – „Ja, entschuldige bitte.“ … während der Verabredung mit der erwachsenen Tochter.

Das Lektüre-Erlebnis besteht eher darin, aufmerksam zuzuhören, sich alles zusammen zu puzzeln. Gespräche zu belauschen. Bis endlich Klartext gesprochen wird: „Kapitalvermittlung, Kreditausfall, Risk-Management […] Informationen sammeln. Informationen sind das wichtigste. Daten.“
Es erscheinen weitere Personen, an weiteren Orten. Kein Problem, denn es wird weltweit gehandelt, innerhalb von Sekunden. Schiffe ändern ihren Kurs, sobald irgendwo der Preis steigt. Eine Kühlkette nach Eritrea aufbauen, für Edelfisch. Im Osten investieren, kaufen, bündeln, filetieren.
Es ist dann ein krasser Gegensatz, wenn Brockmann zum 85. des Vaters nach Krefeld muss. Dort von den Geschwistern zu einem ernsten(!) Gespräch über die Pflege der Eltern gezwungen wird. Das regulierte, vorsorgende Deutschland. Es ist nicht mehr Brockmanns Welt.

Darauf angesprochen, warum er sich in seinem neuen Buch vom Schauplatz Berlin („Teil der Lösung“, 2007) abwende, antwortete der Autor, es sei trügerisch, „die Berliner Realität mit der einer Welt auf der gnadenlosen, absolut unausweichlichen Jagd nach Renditen“ zu verwechseln. Diese fände in der Global City statt, in der „immense Kapitalströme, ein bestimmtes Produktionsvolumen, Menschenmassen auf der Suche nach Lohnarbeit, Entrepreneure und Glücksritter aller Art aufeinandertreffen würden. Wo es um andere Geschichten geht, andere Risiken und Geldsummen auf dem Spiel stehen, andere Kalkulationen angestellt werden als die uns hier geläufigen.“ (S.Fischer Verlag, Beilage zum Leseexemplar)

„Das bessere Leben“ ist kein Buch, das man nebenbei liest. Erst während der Lektüre offenbart sich der „Eintauch-Effekt“, der ihm seine besondere Faszination verleiht. Denn es heißt, aufmerksam zu sein, Träume zu Ende zu träumen, Gedanken zu Ende zu denken. Sich über jedes neue Puzzle-Teilchen zu freuen, das Gesamtbild begierig erwartend, und es gleichzeitig hinauszuzögern. Ein Buch für das es sich lohnt, Bücherregale zu haben.

Unser Tipp für den Deutschen Buchpreis 2015:

Ulrich Pelzer: Das bessere Leben. S. Fischer Verlag reservieren

weiterhin nominiert (Shortlist)

Jenny Erpenbeck: Gehen Ging Gegangen. Knaus Verlag reservieren

Rolf Lappert: Über den Winter. Carl Hanser Verlag reservieren

Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt. Berlin Verlag reservieren

Monique Schwitter: Eins im Anderen. Literaturverlag Droschl reservieren

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Matthes & Seitz Berlin reservieren

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.