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Autorentipp: Michael Fehr

Für den Schweizer Autor Michael Fehr haben Bücher, wenn überhaupt, konservierende Bedeutung. Denn er kann sie weder schreiben noch lesen. Der 1982 geborene Berner hat eine schwere Sehbehinderung. Er erkennt Formen und Farben, jedoch keine Scharfsichtpunkte. Michael Fehr erscheint diese Einschränkung „an besseren Tagen als Quälgeist, an schlechteren als echter Dämon.“ (Der Tagesanzeiger). Doch sind es genau diese Quälgeister und Dämonen, die ihn zwingen, seine Fantasie auszuschöpfen und andere Sinne zu schärfen. Seine Umgebung nimmt Fehr am besten über die Ohren wahr, sein Gespür für die Welt speist sich aus Klang. Kein Wunder, dass dieser Umstand ihn zu einem der wohl vielversprechensten Spoken Word Autoren der Gegenwart macht. Seine Sprache ist präzise, geradezu sezierend, schaft Dissonanzen und Harmonien, ist Konzert aus Worten.

Michael Fehr studierte Literarisches Schreiben an der Hochschule der Künste Bern. Ein Mitarbeiter der Hochschule hat für ihn ein Tonaufnahmegerät und Sprachbearbeitungsprogramm entwickelt. Fehr spricht seine Texte ein und bearbeitet sie am Computer.

Tritt er mit seiner Kunst vor einem Publikum auf, liest er nicht vor sondern betreibt ein, wie er es nennt, „simultanes Übersetzen“, in dem er seinen Text über Kopfhörer hört und laut nachspricht.

Wahrgenommen werden im Literaturbetrieb

Das Wort Literatur bedeutet in seiner direkten Übersetzung nichts weiter als Buchstabenschrift. Wen wundert es also, dass der, der vom herkömmlichen Literaturbetrieb wahrgenommen werden möchte, eine Buchveröffentlichung vorweisen muss.

Michael Fehrs Debütroman „Kurz vor der Erlösung“ ist 2013 beim Verlag „Der gesunde Menschenversand“ erschienen. Das Buch ist eine Partitur in 17 Sätzen, die man am besten laut liest, um in Rhythmus und Klang hineinzufinden, in die Versform ohne jegliche Interpunktion. Es ist eine Mischung aus Abenteuer, Mythos und Märchen aus der Sicht von verschiedenen Charakteren, kurz vor dem Glockenschlag zur Heiligen Nacht.

Da gibt es zum Beispiel den scheinbaren Fischer, der in Wirklichkeit ein Trinker ist, den Jäger, den König, die Heilsarmee, die antipopuläre Musikgruppe und die traute Familie. Und natürlich gibt es auch Josef und Maria.

Für die Lesenden ist dieses Buch ein Wagnis, ein Experiment, auf das es sich einzulassen lohnt. Und für Michael Fehr sollte der Begriff Literatur und dessen Bedeutung neu erfunden werden.

Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung. Verlag Der gesunde Menschenversand – edition spoken script. 17.00 Euro

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