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„Und dann kommen ja schon die Vertreter …

… ist ein gängiger Spruch unter Buchhändlern. Manchem ist ja die Berufsgruppe „Vertreter“ etwas suspekt, bei fast 100.000 neuen Büchern pro Jahr sind sie jedoch für viele Buchhändler eine wichtige Unterstützung, das für den Laden genau passende Sortiment zusammenzustellen, die eigenen Vorauswahl zu verfeinern, nachzuhaken, mehr Informationen zu bekommen. Natürlich besuchen uns schon aus zeitlichen Gründen nur die für uns wichtigen Verlagsvertreter: die der schwergewichtigen Literatur- und Kinderbuchverlage und die Vertreter, die die vielen gut organisierten Independent-Verlage im Vertreterkoffer haben. Im vergangenen Jahr hatten wir uns mit dem Vertreter der VBMV-Gruppe (Aufbau, Metrolit, Braus …), Gerd Püschel, unterhalten …

Lieber Gerd, du bist mittlerweile der Vertreter, der uns am längsten besucht. Wir haben uns damals in der Kollwitz-Buchhandlung im Prenzlauer Berg kennen gelernt. Was wir aber gar nicht wissen: wie bist du eigentlich Verlagsvertreter geworden?

Tja, eigentlich bin ich gelernter Elektrotechniker und wäre sogar beinahe in eine leitende Position im AKW Stendal geraten. Mein Herzensinteresse lag jedoch schon immer woanders (ratet mal wo?). Irgendwann sagte mir dann mal ein Bekannter: Du, beim Aufbau-Verlag ist eine Stelle frei. Und nach einigem Hin-und-Her bin ich dann dort tatsächlich Verlagsvertreter geworden. Verlagsinstrukteur hieß das übrigens damals noch.

Du könntest eigentlich auch Gerd „Aufbau“ Püschel heißen. Du vertrittst schließlich seit Jahren vorrangig die Verlage der Aufbau-Gruppe. Du hast aber auch einige andere Verlage im Gepäck. Wie ergibt sich das?

Ja, seit dieser Saison vertrete ich zum Beispiel auch das Programm der Frankfurter Verlagsanstalt. Im Frühjahr hatte ein Vertreter den Verlag abgegeben, da suchte der Verlag für Berlin-Brandenburg einen Ersatz. Der Verlag kam dann auf mich zu, und wir sind uns einig geworden. – Natürlich kommen immer nur neue Programme in Frage, die auch zu meinen übrigen Verlagen passen. Sprich: ich besuche ja vorwiegend Literatur-Buchhandlungen, da wäre ein Wirtschafts-Verlag natürlich fehl am Platze.

Du bist mit ungefähr zehn Verlagsprogrammen unterwegs – zwei Mal im Jahr. Wieviele Bücher kann man davon eigentlich selbst lesen?

Eigentlich schaue ich schon in jedes Buch hinein, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Unterhaltungsliteratur ist in der Regel weniger aufwändig, ist ja klar. Die werden in der Regel von den großen Läden in hoher Stückzahl bestellt. Bei den neuen Belletristik-Titel ist das ganz anders, da wollen die Buchhändler, vor allem in den kleinen Läden, schon eine sehr genau Einschätzung haben, fragen nach, wollen sich mit dir über ihren persönlichen Lese-Eindruck austauschen.
Und was das Lese-Pensum angeht, ist es erträglich. Schließlich habe ich etwas mehr Zeit, als ihr Buchhändler  (lacht). Ungefähr vier Wochen vor jeder Reisesaison kommen ja schon die Bücher für das nächste Programm. Momentan also die Bücher für das nächste Frühjahr.

Aber doch nicht schon als fertige Bücher, oder?

Nein, nein, elektronisch mit dem E-Reader. Bis dahin sind das ja nur einfache Text-Dateien. Das ganze ist ja ein ganz langes Hin-und-Her bis das Buch letztlich fertig da liegt: Autor, Lektor, Verlag, Vertreter …

Und deine E-Reader-Erfahrungen?

Ach, das ist schon in Ordnung, obwohl ich nach einer Woche Intensiv-Lesen dann doch irgendwie Probleme mit den Augen habe … Die wirklich wichtigen Sachen lasse ich mir aber auch oft ausgedruckt geben. Randbemerkungen und Notizen machen auf dem Reader nicht wirklich Spaß.

Im nächsten Jahr feierst du dein 25jähriges „Dienstjubiläum“. Was hat sich über die Jahre verändert? Wird es den „persönlichen Besuch des Herstellers beim Kunden“ auch morgen noch geben?

Es hat sich sehr viel verändert. Da ist einmal das rasante Wachstum der großen Ketten, das sich zuletzt ja bekanntlich stark abgeschwächt hat. Dann haben viele kleinere Buchhandlungen technisch erheblich nachgeholt. Die Zahlen der Warenwirtschaftssysteme unterlegen hier viele Entscheidungen, die früher vielleicht eher „aus dem Bauch“ heraus getätigt wurden. Auch ist der Vertreterbesuch nicht mehr die einzige Möglichkeit, zu günstigsten Konditionen einzukaufen. Insofern hat sich auch die Aufgabe der Vertreter etwas geändert, hin zu mehr Beratung, Austausch mit den Buchhändlern, Feedback in Richtung Verlag. Diese Mittlerfunktion ist es auch, die unseren Job bestimmt auch demnächst  unabdingbar machen wird.

Lieber Gerd, vielen Dank für deine Antworten, wir wünschen dir eine gute „Reise“.

Bitte schön, wir sehen uns ja in einem halben Jahr!

 

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