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Geheimer Gewinner: Thomas Meyer!

Eine „subtile Art von Sadismus“ nannte Peter von Matt auf Radio-drs2 die Verleihung von Buchpreisen. Da säße man dann nebeneinander auf der Bank, hätte sich im Vorfeld persönlich kennen und schätzen gelernt, einer bekäme dann den Preis, und die anderen … na ja, nicht gut genug.
Wir sehen das jetzt mal einfach so: Die Jury für den Schweizer Buchpreis konnte sich nicht recht zwischen den belletristischen Büchern entscheiden und hat daher den Essayband von Peter von Matt ausgewählt. Getrost können wir daher hier noch einmal unseren heimlichen Sieger feiern:

Mordechai (Motti) Wolkenbruch  ist ein stattlicher junger Mann in den besten Jahren. Und vor allem ist er mit 25 langsam heiratsfähig. Das jedenfalls findet seine streng jüdisch-orthodoxe mame. Also beginnt Mutter Wolkenbruch hinter dem Rücken ihres Sohnes innerhalb und bald auch außerhalb der Zürcher jüdischen Gemeinde zu verabreden, zu kuppeln und zu taktieren, um ihrem jüngsten Spross ein ordentliches jüdisches Mädchen zwecks Heirat zu beschaffen. Leider hat sie nicht mit dem Widerstand ihres werten Herrn Sohnes gerechnet. Der hat sich nämlich ganz aktuell und unerwartet an der Universität in die schöne und recht unjüdische Laura, oder eher in ihren knackigen Po verguckt.

Dieser neue Blick aus Mottis kleiner orthodoxen, auf die ihm unbekannte um einiges größere Welt jenseits seiner verordneteten Mauern, Schranken und Gebote, wirft zunehmend Fragen auf.  Seine Eltern sind ihm erwartungsgemäß dabei keine so große Hilfe. Und auf seinen berechtigten Einwurf: „Wir sehen vielleicht schon etwas speziell aus …“ erntet er nur ein empörtes „Wus? … Bist jetzt auch a Antisemit?“

Also macht sich unser Held wider Willen auf die Suche nach einer (seiner) neuen „Jiddischkait“. Dass er dabei Dank seines kürzeren Bartes, der modernen Brille und neuer Kleiderordnung ein interessantes Verhältnis zu Laura aufbauen kann, ist nur eine der angenehmen Begleiterscheinungen. Aber wie immer im Leben: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Das Verhältnis zu seiner mame verschlechtert sich, sein tate (Papa) versucht unsichtbar zu werden und sämtliche jüdischen Autoritäten werden zu Rate gezogen.

Auch wenn Mottis Reise durchaus eine wunderliche ist und bleibt, so erkennt er doch: „Den eigenen Weg zu gehen, […] heißt wohl nichts anderes, als sich den Dingen zu stellen, die einem dabei begegnen. Nicht zu versuchen, sie zu umschleichen. Nicht vor ihnen stehen zu bleiben. Sondern durch die Schwierigkeiten hindurchzumarschieren.“

Thomas Meyers „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ ist ein amüsantes, freundliches aber auch nachdenkliches Buch. Am Ende der Geschichte ist man hoffnungslos in den tragikkomischen Helden verliebt. Und Motti ist nicht der einzige, der staunend zurückbleibt.

 

Thomas Meyer
Wolkenbruchs Wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Salis Verlag 24.90 Euro
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Schweizer Buchpreis 2012:

Peter von Matt
Das Kalb vor der Gotthardpost
Hanser Verlag 21.90 Euro
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Ebenfalls nominiert:

Sibylle Berg
Vielen Dank für das Leben
Hanser Verlag 21.90 Euro
Unser Buchtipp
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Alain Claude Sulzer
Aus den Fugen
Galiani Berlin 18.99 Euro
Unser Buchtipp
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Ursula Fricker
Außer sich
Rotpunktverlag 24.00 Euro
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