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Neues aus Osteuropa

Karl Schlögel – nicht immer leicht zu lesen – mit Büchern wie „Im Raume lesen wir die Zeit“ oder zuletzt mit „Moskau 1937“ ist er dennoch bekannt geworden. 2004 erhielt er für seine Arbeiten den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Sein Buch Marjampole (Hanser Verlag 2004) ist nun als Taschenbuch erschienen. Schlögel erklärt „Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte“. Und das sind für ihn nicht nur London, Paris, Rom, das sind für ihn auch Bukarest, Czernowitz oder Sandor Marais Heimatstadt Kaschau. Oder eben Marjampole, das nicht nur den osteuropäischen Markt mit Gebrauchtwagen versorgt, sondern auch wichtiger Abnehmer der Automärkte von Hessen bis Brandenburg ist.

Im vergangenen Jahr hat der Wahl-Warschauer Steffen Möller mit „Viva Polonia“ – hoffentlich – eine ganze Reihe von Vorurteilen unserer östlichen Nachbarschaft gegenüber ausgeräumt. Wer allerdings plant, demnächst die von Möller gepriesenen unglaublich preiswerten öffentlichen Verkehrsmittel zu testen, wird dies nach der Lektüre von So sollt ihr sterben nur noch mit gemischten Gefühlen tun, zumindest in Warschau. In Tomasz Konatkowskis Warschau-Krimi treibt ein Serienmörder in Straßenbahnen oder in der Nähe von Haltestellen sein Unwesen. Die Ermittlungen von Kommissar Adam Nowak führen den Leser in ein ganz besonderes Warschauer Milieu: das der Straßenbahn-Freaks.

Es sind die berühmtesten 900 Tage der Weltgeschichte, die zweieinhalb Jahre, in denen die sowjetische Stadt Leningrad 1941-1944 von deutschen Truppen belagert wurde. David Benioffs neuer Roman Stadt der Diebe spielt dort, in der ersten Januarwoche des Jahres 1942. Der 17-jährige Lew steht kurz vor der Hinrichtung. Er hat die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht – und auf Plünderung steht die Todestrafe. Doch wider Erwarten lässt der Geheimdienstcheft Gnade vor Recht ergehen und beauftragt ihn damit, zusammen mit einem Mithäftling im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für eine Hochzeitstorte aufzutreiben … Ein kinoreif-spannender Roman – was sonst sollte man von einem Drehbuchautor („Troja“, „Drachenläufer“) erwarten?

Die Bücher:
Karl Schlögel: Marjampole. Oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte (Fischer Taschenbuch Verlag) 12.95 Euro
Tomasz Konatkowski: So sollt ihr sterben. Ein Warschau-Krimi (List Taschenbuch Verlag) 8.95 Euro
David Benoiff: Stadt der Diebe. Roman (Blessing) 19.95 Euro
Steffen Möller: Viva Polonia (Scherz) 14.90 Euro

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